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Samstag, 01. Januar 11 um 20:18

Gedanken zur Jahreslosung 2011

Kategorie: Bibelworte

Von: Frank Wegen

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." Römer 12, 21

Brücke

Das soll also die neue Jahreslosung sein? – Das war mit einem gewissen Stirnrunzeln mein erster Gedanke, als ich irgendwann im Herbst auf dieses Bibelwort stieß.

Jahreslosungen, das waren doch immer Bibelworte des Zuspruchs und der Ermutigung – wie zum Beispiel letztes Jahr: Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich! Bibelworte, die uns einladen zum Vertrauen.

Die neue Jahreslosung hat da einen etwas anderen Charakter: Sie fordert uns heraus.

´Lass dich nicht vom Bösen überwinden` - wörtlich: besiegen. Lass dich nicht vom Bösen besiegen. Wenn Paulus das den Christen in Rom so deutlich schreibt – lass dich nicht besiegen -, dann bedeutet das doch zunächst einmal: Offensichtlich stehen wir in der Gefahr, dass wir uns vom Bösen besiegen lassen. Diese Gefahr scheint zum Christsein dazu zu gehören, deshalb: Lass dich nicht vom Bösen überwinden!

Damit das etwas griffiger wird, müssen wir zunächst einmal fragen: Paulus, was meinst du denn, wenn du vom Bösen sprichst?

Böse – da fällt uns vermutlich eine ganze Menge ein. In Ägypten hat das neue Jahr heute früh mit einem Anschlag auf eine Kirche begonnen – 21 Tote.

Böse - da fallen uns vielleicht Namen von Menschen ein, die uns oder anderen übel mitgespielt haben.

Böse - da fallen uns vielleicht Namen von Staaten ein, die als ´böse` gelten und von den ´Guten` deshalb bekämpft werden, denen wiederum bei der Bekämpfung der Bösen so ziemlich alle Mittel recht sind …

Aber wir brauchen gar nicht auf die große Politik zu schauen. Wir brauchen noch nicht einmal auf andere Menschen zu schauen.

Jesus hat einmal über das Böse gesprochen, und da hat er eine ganze Reihe von Dingen aufgezählt: Mord, Diebstahl, Ehebruch lesen wir da zum Beispiel. Aber dann lesen wir da auch Dinge wie böse Gedanken, Habsucht, Neid, lästernde Worte oder Hochmut. Und dann schließt Jesus, indem er sagt: Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus. (Mk 7,21-23) Mit anderen Worten: Wenn ich nach dem Bösen frage, muss ich gar nicht so sehr weit wegschauen. Da muss ich gar nicht an Schurkenstaaten oder Monsterfratzen oder gar abgrundtief Teuflisches denken. Da reicht es schon, wenn ich mal ganz ehrlich vor mir selber bin und schaue, was sich da manchmal so in mir regt. Was da manchmal droht, hoch zu kochen. Dieses Allzumenschliche, was dann mit uns durchgeht. Uns überwindet. Uns besiegt. ´All diese bösen Dinge kommen von innen heraus`, sagt Jesus.

`Lass dich nicht vom Bösen überwinden`, sagt unsere Jahreslosung, und jetzt setzen wir doch mal einige dieser Dinge ein, die Jesus da aufgezählt hat:

Lass dich nicht von der Gier überwinden, immer mehr haben zu wollen.

Lass dich nicht von dem Neid besiegen, der auf den anderen schielt und ihm das Gute nicht gönnt: ´Der hat mehr, dem geht´s besser, der ist gesünder, der wird mehr gelobt.`

Lass dich nicht von der Lästerung überwinden, von Worten, mit denen du andere schlecht machst. Oder lächerlich machst - Abwertest.

Lass dich nicht vom Hochmut überwinden, der auf andere herabschaut und sich für etwas Besseres hält. Der sich etwas einbildet auf seine Leistung und dafür Lob und Ehre einfordert.

Lass dich nicht besiegen von bösen Gedanken, die in dir hoch kriechen: `Ich kann auch anders!` Oder: ´Der hat schließlich angefangen!`

Lass dich nicht überwinden. Besiegen. Lass es nicht zu, dass der Neid, der Hochmut oder die bösen Gedanken die Oberhand bekommen und den Sieg davontragen.

Die meisten werden das kennen: Da stellt man einen Topf Milch auf den Herd, um die Milch warm zu machen. Die Milch wird wärmer und wärmer, und irgendwann – ziemlich plötzlich – kocht sie hoch. Schnell den Topf von der Platte ziehen, bevor die Milch überkocht. Denn wenn sie überkocht, hast du das Dilemma. Im besten Falle musst du den Topf und den Herd nachher mühevoll reinigen. Und bis dieser eklige Geruch aus der Wohnung verschwunden ist, braucht es seine Zeit. Jedes Überkochen hat seine Folgen.

Genau darum geht es zunächst bei unserem Bibelwort: Lass es nicht überkochen. Lass dich nicht von Bösen überwinden.

Das heißt doch: Es kommt nicht als unabänderliches Schicksal über mich. Ich kann den Topf rechtzeitig vom Herd ziehen. Das kocht nicht zwangsläufig über. Lass dich nicht vom Bösen überwinden.

Aber nun geht unser Satz ja noch weiter: Sondern! Sondern überwinde, besiege du das Böse. Es geht nicht nur darum, dass nichts überkocht. Es geht nicht nur darum, dass von mir nichts Böses ausgeht. Es geht nicht nur darum, gegen das Böse zu protestieren oder es zu beklagen.

Dadurch wird es noch nicht überwunden.

Es geht auch nicht darum, dass ich möglichst keine Berührung mit dem Bösen habe. Dadurch wird es noch nicht überwunden.

Es geht auch nicht darum, Böses geduldig zu ertragen.

Dadurch wird es noch nicht überwunden.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern! Es geht um einen Sieg! Sondern – überwinde, besiege du das Böse. Das ist deine Aufgabe und Verantwortung: Überwinde du das Böse. Durch das Gute!

Eine kleine Bemerkung nebenbei: Was ist eigentlich christlich an diesem Vers? Der könnte doch in jeder nichtchristlichen Spruchsammlung stehen.

Entscheidend ist hier der Zusammenhang, in dem dieser Satz steht. Dieses ganze zwölfte Kapitel des Römerbriefes mit seinen vielen Hinweisen ist im Grunde genommen eine Antwort auf die Frage: Wie sieht ein Leben aus, das Antwort auf Gottes Barmherzigkeit ist? Wie sieht ein Leben aus, das sich Jesus hingibt? Unsere Jahreslosung ist der letzte Satz dieses ganzen Kapitels: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Im Blick auf unsere Beispiele könnte das vielleicht so aussehen:

Ich versuche, die Gier nicht nur im Zaum zu halten, sondern übe mich in Gebefreudigkeit.

Statt neidisch zu sein gönne ich dem anderen seinen Vorteil und freue mich mit ihm.

Statt lästernde Worte zu sagen schlüpfe ich in die Schuhe des anderen und finde gute Worte.

Statt böse Gedanken zu hegen schaue ich den anderen mit den Augen Gottes an.

Nicht mit Hochmut begegne ich dem anderen, sondern mit Wertschätzung und Respekt.

Es geht also nicht nur darum, das Überkochen zu verhindern.

Es geht um mehr: Besiege das Böse mit Gutem.

Oder mit einem anderen biblischen Begriff gesprochen: Sieg durch Liebe.

Und hier merken wir: Es geht tatsächlich um mehr als um Spruchweisheit. Es geht um ein geistgewirktes Leben. Dass ich Anschluss habe an die Quelle der Liebe.

Denn wenn ich das alles tun und bewältigen sollte mit ein bisschen gutem Willen, dann würde mich das wohl maßlos überfordern.

Und wenn ich darauf warten wollte, dass sich gute Gefühle einstellen, würde ich wohl vergebens warten.

Das Gute, von dem unser Vers spricht, hat seinen Inhalt in der Liebe, die von Gott kommt. In der Liebe, die sich hingibt. In der Liebe, die durch Hingabe siegt. So wie die Liebe damals am Kreuz von Golgatha über alles Böse gesiegt hat. Sieg durch Liebe.

Die Liebe, die von Gott kommt, ist die einzige Macht, die allem Bösen überlegen ist.

Niemand sagt, dass das immer leicht ist. Aber ein Blick in diese Welt und in uns selber zeigt uns, wie nötig es ist, Böses zu besiegen mit Gutem. Mit Liebe. Mit Liebe, die nicht Gefühl oder Stimmung ist, sondern Tat. Liebe, die sich hingibt.

Unsere Jahreslosung fordert uns heraus und macht uns bewusst, dass wir als Christen in der Gefahr stehen, vom Bösen besiegt zu werden. Aber das ist kein Schicksal!

Deshalb werden wir aufgefordert: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse, besiege es mit Gutem. Mit der Liebe, die von Gott kommt.

Indem du aus der Quelle lebst. Ein Leben als Christ, in dem Gottes Liebe für andere greifbar wird.

 

Frank Wegen

 

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, 21